Trip nach Polen

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Deborah Haupt

19. April 2022

Reisebericht von Mitch Glaser

Ich bin vom 1. bis 4. April 2022 nach Warschau in Polen gereist, um mir selbst ein Bild von der allgemeinen Situation angesichts des Krieges zwischen Russland und der Ukraine zu machen und zu erfahren was unsere Mitarbeiter tun, um die Flüchtlinge in Polen und der Ukraine zu erreichen. Es war ein Segen für mich, mit Jonathan Bernis, dem Gründer und Präsidenten von Jewish Voice Ministries International (JVMI), diese Reise anzutreten und bei der Ankunft in Polen auch einige seiner Mitarbeiter zu treffen.


Orientierungssitzungen

Ich hatte das Privileg, an einer Reihe von Orientierungstreffen mit unseren eigenen Mitarbeitern teilzunehmen, um herauszufinden, was vor sich geht, welche Bedürfnisse bestehen und welche Möglichkeiten für einen größeren Dienst bestehen. Wir erfuhren, dass etwa 40 Menschen pro Tag in der Einrichtung schlafen und 400-600 Menschen pro Tag durch die Einrichtung kommen, die sich ganz in der Nähe der ukrainischen Botschaft befindet.
Viele der 2,5 Millionen Ukrainer betrachten Polen derzeit als Durchgangs-Ort, an dem sie so lange bleiben, wie es nötig ist und von dort nach Westeuropa, in die Vereinigten Staaten, nach Kanada oder Israel weiterreisen.
Ich habe mit einigen ukrainischen Flüchtlingen gesprochen, vor allem mit Frauen, deren Ehemänner, Brüder und Söhne noch in der Ukraine waren und sich entweder um ihren Besitz und ihre älteren Verwandten kümmerten oder im Krieg mit Russland kämpften. Es ist für jeden Mann zwischen 18 und Anfang 60 illegal das Land zu verlassen, daher haben die meisten Frauen und viele der jüngeren Mütter, die die Ukraine verlassen haben, ihre Männer zurückgelassen.
Ich habe auch gehört, dass viele der Familien aus der Ukraine Freunde, die die Grenze überqueren gebeten haben, ihre Kinder mitzunehmen. Ein großer Teil der Arbeit im christlichen Lager in Ostruda (fast 3 Stunden nordwestlich von Warschau) – wo wir intensiv mitarbeiten – besteht in der Betreuung von Kindern, die von ihren Eltern getrennt sind.
Auf diesen Campingplatz bringen wir regelmäßig Holocaust-Überlebende, israelische Kinder im Lageralter, Soldaten und andere zu polnischen Christen, die so die Möglichkeit haben, dem jüdischen Volk zu dienen. Wenn man einen Moment darüber nachdenkt, ist es ein starkes Zeugnis, vor allem für die Holocaust-Überlebenden, denn das letzte Mal, als sie in Polen waren, wurden sie von einigen Polen, die mit den Nazis unter einer Decke steckten, verfolgt, misshandelt und getötet. Diesmal sind wiedergeborene polnische Christen in der Lage, den Überlebenden und anderen die Liebe und Fürsorge Gottes zu zeigen, was bei vielen eine radikale Veränderung ihrer Einstellung zu Jesus bewirkt hat.
Die Hauptbedürfnisse der Geflüchteten scheinen Unterkunft, Nahrung und psychologische, emotionale und spirituelle Beratung für Mütter mit kleinen Kindern zu sein, die ihre Ehemänner zurückgelassen haben. Viele wissen einfach nicht, wie es weitergehen soll.
Die oben genannten Themen werden in den kommenden Tagen für viele der Flüchtlinge die wichtigste Rolle spielen.
In den letzten Monaten kamen schätzungsweise 200 Menschen in das Lager, davon 100 Kinder und der Rest hauptsächlich jüngere Mütter bzw. einige ältere Frauen. Außerdem gibt es etwa 40 Kinder ohne Eltern.
Es war herzzerreißend, die Geschichten darüber zu hören, wie Häuser und Kirchen zerstört und Christen verstreut wurden. Während dieses Besuchs habe ich erlebt, wie Gläubige angesichts des großen Traumas und der Entmutigung lernen, dem Herrn zu vertrauen. Besonders berührt haben mich die Kinder, deren Leben sich durch den Krieg für immer verändern wird.

Sonntagabend Gemeinschaft und Orientierung

Nach unserer Rückkehr aus Ostruda hatten wir ein Abendessen und eine weitere Orientierung mit einigen Leitern der Life Church North, Gläubigen aus der Ukraine und einem Team von Amerikanern, die in der Nothilfe tätig sind. Diese Gruppe hatte in der Kirche gerade ein Seminar für ukrainische Flüchtlinge über den Umgang mit Traumata abgehalten. Sie schulten auch Gemeindemitglieder darin, wie sie Ukrainern helfen können, die diese schwierigen Zeiten durchmachen und wie sie mit Traumata so umgehen können, dass sie sich letztlich Jesus zuwenden.
Seit dem vergangenen Wochenende haben viereinhalb Millionen Menschen die Grenzen überquert und die Ukraine verlassen, und weitere sechseinhalb Millionen sind zwar noch in der Ukraine, aber auf der Flucht. Diese Zahl wächst natürlich jeden Tag, aber im Moment verlangsamt sie sich. Städte wie Mariupol, wo wir bis zum Krieg einige messianische Gemeinden unterstützt haben, sind zu 90 % zerstört. Charkiw und Kiew haben der Invasion bisher standgehalten und sind noch funktionsfähig.


Drei Phasen

Die an diesem Abend Versammelten und die meisten derjenigen, mit denen wir über das weitere Vorgehen sprachen, waren sich einig, dass die Hilfe für die ukrainische Bevölkerung in drei Phasen ablaufen sollte.


Phase 1: Soforthilfe


Hier geht es darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Wohnraum und finanzieller, emotionaler und geistiger Unterstützung versorgt werden und dass ihnen so weit wie möglich geholfen wird, wenn sie die Grenze in andere Länder überqueren, falls sie sich für die Ausreise entscheiden.
In Israel haben wir zum Beispiel zwei Wohnungen gesichert, in denen wir uns direkt um Familien kümmern können, die aus der Ukraine nach Israel einwandern. Wir helfen ihnen beim Erlernen der hebräischen Sprache, unterstützen sie bei ihrem Weg durch die israelische Bürokratie, um Sozialleistungen zu erhalten und helfen ihnen bei der Suche nach einer dauerhaften Unterkunft und Schulbildung für ihre Kinder.


Phase 2: Längerfristige Vertreibung überleben

In Phase 2 helfen wir den ukrainischen Flüchtlingen, die sich dafür entscheiden, für eine absehbare Zeit außerhalb ihrer Häuser und Städte zu bleiben. Auch hier hängt die Dauer der Vertreibung von den Schäden an ihren Häusern und Städten ab und wird sich mit den militärischen Entscheidungen Russlands und der Fähigkeit der Ukraine, die Invasion abzuwehren, immer wieder ändern. Die Vertriebenen werden ihren Weg in die Länder unmittelbar hinter der Grenze und weiter westlich bis nach Nordamerika finden. Viele werden versuchen, in der Ukraine zu bleiben, indem sie vorerst in scheinbar sichereren oder weniger zerstörten Teilen der Ukraine leben.
Sie werden sich an neue Unterkünfte oder neue Arbeitsplätze gewöhnen müssen. Ihre Kinder werden eventuell eine neue Sprache lernen, wenn sie das Land verlassen. Viele der Mütter, mit denen ich in Polen gesprochen habe, wollten nicht weit weg von ihrer Heimat, da ihre Ehemänner und Söhne nicht mit ihnen gehen konnten, und sie hoffen, in die Ukraine zurückkehren zu können.


Phase 3: Wiederaufbau von Leben, Gemeinden und der Ukraine


Die letzte oder dritte Phase ist der Wiederaufbau. Dies wird eine der schwierigsten Phasen unserer Reaktion auf die Invasion sein und erfordert einen langfristigen Ansatz bei den Hilfsmaßnahmen. Der Zeitplan für diesen Prozess hängt vom weiteren Ausmaß der russischen Invasion und der daraus resultierenden Zerstörung in der Ukraine ab. Wir hoffen an einigen Stellen helfen zu können, obwohl das meiste, was benötigt wird, den Rahmen unserer Fähigkeiten übersteigt. Wir werden Wege finden, um auf die eine oder andere Weise zum Wiederaufbau der ukrainischen messianischen Gemeinde beizutragen.
Während Phase 3, wann immer sie beginnt, werden wir weiterhin den Tausenden von ukrainischen Juden dienen, denen wir geholfen haben, Aliyah zu machen, und all jenen jüdischen Ukrainern, die nach Israel ziehen und durch ihr Leiden offener für Jeschua sind.
Für diejenigen, die in Polen und Deutschland bleiben, werden wir ebenfalls tun, was wir können, um ihnen geistig und praktisch zu helfen, soweit es uns möglich ist. Beit Sar Shalom in Deutschland kümmert sich bereits aktiv um die wachsende Zahl ukrainischer Flüchtlinge, da viele ukrainische Juden nach Berlin gezogen sind, und die örtliche Gemeinde hilft diesen Einwanderern und wird dies auch weiterhin tun, wenn sie in absehbarer Zukunft in Deutschland bleiben können.


Möglichkeiten für freiwillige Helfer

Wir wurden von vielen kontaktiert, die als Freiwillige in Polen, Deutschland und auch in der Ukraine arbeiten möchten. Das begrüßen wir natürlich sehr.
Mir wurde gesagt, dass eine der größten Herausforderungen, die wir haben, die Sprache ist. Eines der Bedürfnisse der Flüchtlinge ist es einfach mit jemandem zu sprechen, der sich um sie kümmert und der auch mit ihnen beten wird. Das gilt besonders für die Kinder, die viel Aufmerksamkeit brauchen.
In der Ukraine zu helfen ist im Moment fast unmöglich, da es nur sehr wenige Orte gibt, an denen Menschen leben können. Außerdem ist es im Moment sehr unsicher, außer im äußersten Westen der Ukraine in der Stadt L’viv.
Auch in Polen und Deutschland gibt es einige Möglichkeiten für Freiwillige, die bereit sind, zu kochen, zu putzen, Englisch als Zweitsprache zu unterrichten und vieles mehr. Wir brauchen jedoch unabhängige Menschen, die wirklich in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen und sich in jede Art von Dienst einzufügen. Ich hoffe, das klingt nicht entmutigend, aber ich versuche realistisch zu sein.
Wir werden weiter beten und mit den Menschen „vor Ort“ sprechen, um herauszufinden, welche Bedürfnisse zu welchem Zeitpunkt am dringendsten sind.


Mitch Glaser (Präsident von Chosen People Ministries)

übersetzt von Carsten Noth

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